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Tür geöffnet – abgezockt

Dass ein Schlüsseldienst für einen Einsatz von nicht einmal fünf Minuten gut 200 Euro berechnen kann, musste ein Ilmenauer kürzlich erfahren. Die Masche mit dem schnellen Geldverdienen an der Tür ist Verbraucherschützern bestens bekannt.

Bernd Kahl aus Ilmenau zeigt die Wucher-Rechnung, die ihm ein Schlüsseldienst-Unternehmen geschrieben hat. 215 Euro für fünf Minuten Arbeit. 

Ilmenau – Sie nennen sich „AAAAA Schlüssel-Service“ oder „AAAAB Schlüsselnotdienst oder auch 0,0,0,0, bzw Sonderzeichen @“ und stehen im Telefonbuch meist an erster Stelle. Angeblich sitzen die Schlüsseldienst-Unternehmen in Ilmenau, Elgersburg oder Geraberg, nicht selten sind sie im Telefonbuch mit einer 0800er- oder Handynummer zu finden. Doch der Anrufer, der sich ausgesperrt hat, landet nach dem Freizeichenton bei einer Zentrale in Kassel, Frankfurt oder dem Raum Gotha. Keine üblichen zehn bis 30 Minuten dauert die Anfahrt, sondern gut eine Stunde oder – je nach tatsächlicher Entfernung – noch deutlich länger.

Wer solch einer Schlüsseldienst-Firma, die ihren Sitz vermeintlich im eigenen oder dem Nachbarort hat, auf den Leim geht, der kann mitunter tief ins Portemonnaie greifen. So wie der Ilmenauer Bernd Kahl. Am frühen Morgen des 9. Januar greift Bernd Kahl eilig zum Telefon. Der Ilmenauer braucht die Hilfe eines Schlüsseldienstes. Und zwar dringend.

Im Haus der Kahls wohnt auch die Schwiegermutter des Ilmenauers, in einer separaten Wohnung. Aus dieser hört Bernd Kahl sie an besagtem Morgen um Hilfe rufen – doch er kommt nicht in die Wohnung – der Schlüssel steckt von innen. „Meine Schwiegermutter war aus dem Bett gefallen und hat gefroren, ich musste schnell etwas unternehmen“, erinnert er sich. Kahl schnappt das Telefon und wählt die Nummer eines ihm gut bekannten Ilmenauer Schlüsseldienstes. „Doch niemand ging ans Telefon, ich habe es ein paar Mal klingeln lassen. Ich dachte mir, dass das Büro vielleicht noch nicht besetzt ist“, meint er. Der Ilmenauer versucht, einen anderen Ilmenauer „Türöffner“ zu erreichen – leider erfolglos.

Im Telefonbuch sucht er deshalb schnell nach einem Schlüsseldienst-Unternehmen in der Nähe – was ihn später teuer zu stehen kommen sollte: „Ich habe eine Firma gefunden, die nur zehn Minuten von Ilmenau entfernt ihren Sitz hatte. Angeblich. Kurzerhand rief ich die Handy-Nummer, die im Telefonbuch angegeben war, an.“

Fast eine Stunde nach dem Telefonat, gegen 7.30 Uhr, kam der Handwerker auch und öffnete die Tür. Nicht einmal fünf Minuten soll es gedauert haben, mit einem Öffnungsblech konnte er die Schlossfalle (im Volksmund Schnapper genannt) einfach nach hinten schieben und die Tür entriegeln. Die Rechnung für diesen kurzen Einsatz: 214,79 Euro. Der Auflistung ist zu entnehmen, dass sich die Summe aus 97 Euro für die Arbeitspauschale, 35 Euro Einsatzpauschale (vermutlich Fahrtkosten) sowie einem 50-prozentigen „Spätzuschlag“ (für den Einsatz vor acht Uhr) von 48,50 Euro zusammensetzt. Dazu kommen noch 19 Prozent Mehrwertsteuer.

„Ich habe schon öfter etwas über Schlüsseldienst-Abzocke gehört und als ich den Vorfall in meiner Firma geschildert habe, hat mir ein Kollege einen Zeitungs-Artikel gezeigt. Eben diese Firma aus dem Raum Gotha hat auch eine Erfurterin abgezockt“, meint Bernd Kahl und zeigt den Zeitungsausschnitt.

Andere warnen

Dass der Ilmenauer sein (zu viel gezahltes) Geld so schnell nicht wiedersehen wird, das ist ihm bewusst. „Es geht mir nicht um die Rechnung, das Geld habe ich nun bezahlt. Es war eine Not-Situation, in der ich schnell handeln musste. Ich möchte nur, dass andere gewarnt sind und sich bei der Wahl eines Schlüsseldienstes vorher genau über die Preise informieren“, sagt Bernd Kahl.

Dass man sich vorher mit dem Anbieter über eventuelle Kosten absprechen sollte, rät auch Dieter Entzian, der in Ilmenau Schlüsseldienstleistungen anbietet. Von solchen horrenden Rechnungen hat auch er schon gehört. „Meist versteckten sich hinter solchen ‚AAAA-Einträgen‘ dubiose Firmen mit angeblichem Sitz in Ilmenau, Elgersburg oder anderen Orten hier im Kreis, die hier jedoch kein Unternehmen führen. Die kommen dann von Kassel, Frankfurt oder Erfurt hergefahren und berechnen hohe Anfahrtskosten“, meint Dieter Entzian.

„Unseriöse Schlüsseldienste, die nicht ortsansässig sind und solche Rechnungen schreiben, machen den Ruf derer kaputt, die hier vor Ort normal und anständig ihr Geld verdienen“, sagt der Ilmenauer. „Am Ende werden alle Schlüsseldienstleister über einen Kamm geschert und als Verbrecher bezeichnet.“

Eindeutig Wucher

Kosten für eine Türöffnung müssen vorher mit dem Kunden vereinbart werden, Spätzuschläge für eine Dienstleistung um 7.30 Uhr morgens, wie sie Bernd Kahl zahlen musste, seien inakzeptabel. „Rechnungen von mehr als 200 Euro für solch eine Dienstleistung kann man gemeinhin als Wucher bezeichnen. Diesen Vertrag könnte man anfechten und gegebenenfalls widerrufen, so dass der Verbraucher nur den sogenannten Wertersatz, also die angemessenen Kosten für den tatsächlichen Wert der Dienstleistung zahlen muss“, erklärt der Jurist.

Schlüsseldienstanbieter, die im Telefonbuch nur vorgeben, ortsansässig zu sein und ihre Kunden aber nicht über ihren tatsächlichen Standort informieren, verstoßen laut Weinsheimer gegen die Hinweispflicht der Unternehmers. In solch einem Fall könnten zu viel gezahlte Fahrkosten zurückverlangt werden.

„Wir raten jedem, sich nicht erst in einer Notsituation, sondern bereits im Vorfeld die Nummer, gegebenenfalls auch mobil, von ortsansässigen Dienstleistern zu notieren oder Alternativen suchen und diese im Portemonnaie aufzubewahren. Ist dies nicht möglich und der Kunde muss einen unbekannten Schlüsseldienst beauftragen, sollte der Preis vorher abgesprochen werden. Wenn dann eine Wucherrechnung geschrieben wird, sollte der Betroffene nicht zahlen und sich an die Verbraucherzentrale wenden“, rät der Jurist.

Sollte der Schlüsseldienstleister das Haus nicht verlassen wollen oder gar die Tür wieder zuschlagen, sei es ratsam, die Polizei zu verständigen. „Bei Anbietern, die mit AAA… oder wie oben erwähnt beginnen, ist höchste Vorsicht geboten. Denn höchstwahrscheinlich handelt es sich bei ihnen um Abzocker“, sagt der Experte.

Von Jennifer Brüsch

 

Bildquelle: Gustav H via Compfight cc

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