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Böse Überraschung

Von einem Premnitzer, der für die Notöffnung seiner Wohnungstür über 700 Euro bezahlen musste

PREMNITZ – Jeder fürchtet die Situation: Vor der eigenen Wohnungstür zu stehen und nicht hineinzukommen. So geschah es Alfred Grimm am 11. Januar. Doch der Frührentner hatte sich nicht, wie es häufig passiert, ausgesperrt, sondern der Schlüssel im Schloss drehte sich nicht. Auch mit viel Gefühl ließ sich die Tür nicht öffnen. Keine Frage, da musste ein Profi ran. Im Telefonbuch wählte Grimm aus einem Dutzend Nummern der Deutschen Schlüsseldienstzentrale den Schlüsseldienst Döberitz, weil – so vermutete Grimm – dieser seiner Wohnung am nächsten liegt. Und tatsächlich: Ein Herr nahm ab und versprach, einen Mitarbeiter vorbeizuschicken. In rund 40 Minuten sei der da. So geschah es. Der Monteur machte sich gleich ans Werk. Im Nu war die Tür wieder offen.
Doch die Reparatur des Schlosses dauerte. Immer wieder telefonierte der Mann. Nach einer guten Stunde präsentierte er die eilig per Hand ausgestellte Rechnung: 736,01 Euro! Das Geld müsse übrigens gleich bar bezahlt werden. Alfred Grimm war völlig überrumpelt. „Ich kann den Mann, der die Tür ja immerhin repariert hat, nicht einfach ohne Bezahlung stehen lassen“, dachte er. Und nahm Geld, das er zufällig für eine größere Anschaffung zurückgelegt hatte, um den Monteur zu bezahlen.
Olaf Thie, der seit Jahren einen Schlüsseldienst mit eigenem Laden in Rathenow betreibt und den die MAZ um ein Urteil gebeten hat, schüttelt den Kopf, als er sich die Rechnung ansieht. Dass allein der Zylinder 159 Euro kostet, sei extrem. Das Einsteckschloss schlägt gar mit 169 Euro zu Buche. „Dabei muss das in der Regel gar nicht ausgetauscht werden“, sagt Thie. Und wenn, dann koste das niemals so viel. Sein teuerstes Modell verkaufe er für rund 40 Euro.
Thie berichtet von seinem schwierigsten Fall, der mehr als zehn Jahre zurückliegt. Damals hatte es alle möglichen Komplikationen bei einer Wohnungstür gegeben. Und Sonderwünsche des Eigentümers. Am Ende betrug die Rechnung nach fast zweieinhalb Stunden Arbeitszeit knapp 300 Euro. Aber 736 Euro. „Das ist Wahnsinn!“, sagt der Fachmann.
Auch Sabine Weiß-Gränzer, Leiterin der Rathenower Verbraucherberatung, sieht sofort, dass mit der Rechnung etwas nicht stimmt. „Da wurden offenbar, abgesehen von den utopischen Preisen, Dinge mehrfach berechnet“, sagt sie. Wenn etwa für die Türöffnung schon eine stolze Pauschale von 149 Euro veranschlagt sei, dann gehe man davon aus, dass darin alles enthalten sei. Und nicht, wie im vorliegenden Fall, noch einmal 30 Euro für das Bohren/Knacken des Zylinders berechnet werden. „Hier ist definitiv jemand wucherisch tätig“, sagt sie.

Aber was tun? Jetzt, da die Rechnung bezahlt ist und per Unterschrift quittiert wurde?

„Schwierig“, gibt Weiß-Gränzer zu. Natürlich könne man versuchen, das Geld einzuklagen. Aber der Nachweis, dass die Vergütung so nicht vereinbart war, werde wegen der Unterschrift schwierig. Es gebe noch die Möglichkeit, den Kaufvertrag für das überteuerte Material zu widerrufen. Wahrscheinlich werde man dann vor Gericht landen, wo geklärt werden müsse, ob die Preise sittenwidrig seien. Man könne so einen Prozess gewinnen, so die Verbraucherschützerin. Aber man brauche ein gehöriges Durchhaltevermögen.

Die erste Schwierigkeit dürfte darin bestehen, überhaupt einen Verantwortlichen zu finden. Ruft man die Döberitzer Nummer an und will einen Fachmann sprechen, wird man an eine kostenpflichtige 0900-Nummer verwiesen. Die Rechnung selbst trägt die Adresse eines SLB Schlüsselnotdienstes immecklenburgischen Bützow. Die Firma findet man sogar im Branchenbuch. Ruft man dort an, wird einem von einer Automatenstimme mitgeteilt, dass der Anschluss vorübergehend nicht erreichbar ist.

Gibt man den Firmennamen im Internet ein, stößt man auf eine Seite, auf der Geschädigte von ihren Erfahrungen berichten. Von völlig überteuerten Rechnungen ist die Rede, von Abzocke. Ein Betroffener teilt mit, dass ihm für eine fünf Minuten dauernde Türöffnung 320 Euro abgeknöpft worden seien.

Adolf Grimm, der gesundheitlich angeschlagen ist, traut es sich nicht zu, einen Rechtsstreit durchzustehen. Dass das Geld weg ist, tut sehr weh. Aber fast genauso schlimm ist das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Und sich so hilflos zu fühlen. (Von Markus Kniebeler)

Bildquelle: gadl via Compfight cc

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